ilendir
Aus dem Tagebuch von Gwendoline von Falkenstein, Herzogin von Silendir
Ich mache mir Sorgen um meinen Gatten! In letzter Zeit fängt er viele seiner Sätze mit „Wenn ich erst einmal König bin ...“ an: „Wenn ich erst einmal König bin, dann ziehen wir nach Löwenstein!“ oder „Wenn ich erst einmal König bin, dann wird ein anderer Wind in Amhran wehen!“ Und so weiter, und so fort.
Ich halte nicht viel von solchen Reden. Unser Leben hier ist doch schön. Unsere Buben sind gesund und munter und wenn Mithras es will, wird auch das vierte Kind ein prächtiger Junge. Wir haben keine Sorgen; sind beliebt beim Volk.
Und plötzlich will Titus König werden!
Silendir ist die Kornkammer des Reiches. Im Sommer scheinen sich die goldenen Ähren bis zum blauen Horizont zu erstrecken und die Bauernhöfe wirken inmitten dieses gewaltigen Meeres aus Korn wie einzelne verlorene Inseln. Doch wenn man sich satt gesehen hat an dieser fruchtbaren Herrlichkeit, erkennt man die Wege, die sich von Hof zu Hof, zwischen den Feldern hindurch, etwa zur nächsten Mühle oder zu kleineren Ansammlungen von Hütten um ein Wirtshaus ziehen.
Schon früh haben die Lehnsherren erkannt, was für ein Potenzial in der ertragreichen Erde steckt. Immerhin sagt man, dass jedes vierte Brot im Königreich ohne Silendirs Korn nicht gebacken werden könnte. Ob dies nun eine hochgegriffene Schätzung stolzer silendirischer Bauern ist, die zu tief ins Bierglas geschaut haben oder es den Tatsachen entspricht, sei dahin gestellt. Fakt ist, dass Silendir flächenmäßig gesehen den größten Anteil an Nutzfeldern im Reich hat. Und die silendirschen Lehnsherren wussten von jeher, wie sie ihren eigenen Reichtum und ihr Ansehen mehren.
Weniger, weil sie Gutmenschen waren, sondern eher, weil sie darin ihren eigenen Vorteil suchten, haben die Lehnsherren schon immer darauf geachtet, dass die Handelsstrassen gut befestigt und einigermaßen sicher zu bereisen waren, haben Ortschaften auf- und ausgebaut und dafür gesorgt, dass das Volk keinen Anlass hat, den Aufstand zu proben. Aus diesem Grund gehört Silendir neben Servano wohl zum best erschlossenen Stück Land im Reiche Amhran.
Doch Silendir besteht nicht nur aus Weizen, Gerste und Roggen. Zum Osten hin baut sich ein gewaltiges Gebirge auf, welches der „Hohe Klamm“ genannt wird. Das Land dahinter ist geprägt von dunklem Nadelwald; uralte Bäume stehen dort dicht an dicht. Zwar haben sich auch in dieser Gegend Menschen niedergelassen, vornehmlich Jäger und Holzfäller, doch ist dieser Landstrich nicht sehr beliebt und wird vom Großteil der Silendirer gemieden.
Legenden ranken sich um die Wälder. Dass Menschen dort spurlos verschwinden, Hexen ihre unheiligen Rituale zelebrieren und Waldgeister sich der Seelen der Menschen bemächtigen. Silendirer sind ein sehr abergläubisches Volk und viele Spukgeschichten, die ihre Runde im Reich machen, finden hier wohl ihren Ursprung.
Arbeitsam, abergläubisch und feierfreudig, so könnte man den typischen Einheimischen beschreiben. Denn nachdem die Ernte eingebracht ist, beginnen die Erntedankfeiern. Allerorts finden sich die Menschen zusammen bei Musik, Tanz, gutem Essen und Erntebier. Besonders die Jüngeren fiebern den Feiern entgegen, denn in diesen Tagen herrscht beinahe so etwas wie Narrenfreiheit und alles scheint erlaubt. Ein Höhepunkt der Feierlichkeiten ist das Festessen auf Schloss Silendir, zu dem jeder im Lehen eingeladen ist. Auf riesigen Spießen drehen sich dann Ochsen über Feuern im Schlosshof und das deftige Mahl an Kartoffeln, Brot, Butter, Bier und Kuchen biegt die langen Reihen an aufgebauten Tischen.
Im Gegensatz zu dieser Ausgelassenheit liegen die Felder im Winter kahl und brach danieder. Dunstiger Nebel kriecht über das Land und allenfalls in den Wirtshäusern trifft man auf andere Menschen, hauptsächlich Reisende; Einheimische verkriechen sich in ihren Hütten. Um sich vor der Kälte zu schützen, schlafen die Menschen teilweise in den Ställen mit ihrem Vieh. Im Hartung oder Hornung hat das Land wenig liebreizendes an sich und erst im Frühjahr, mit den ersten Knospen, regen sich auch bei den Silendirern wieder die ersten Lebensgeister.
Eigentlich wäre Titus, Fürst und selbsternannter Herzog von Silendir, von Geburt aus gar nicht Lehnsherr geworden. Er war der jüngste von drei Brüdern und für ihn war ein Leben im Mithrastempel in Löwenstein bestimmt gewesen. Doch das Schicksal wollte es anders. Nachdem der älteste Bruder bei einem Unfall ums Leben kam, sein Nachfolger einen sehr liederlichen Lebenswandel an den Tag gelegt hatte und innerhalb des ersten Jahres seiner Lehnsherrschaft von der Lustseuche dahin gerafft worden war, war die Reihe an Titus, über die Geschicke Silendirs zu entscheiden.
Das erste, was einem bei Titus von Falkenstein ins Auge springt, ist seine eher geringe Körpergröße - seine bezaubernde Gattin, Gwendoline von Falkenstein, entfernte Cousine von König Lithas, überragt ihn immerhin um einen ganzen Kopf. In Titus` kurzgeschnittenen schwarzen Haar zeigen sich die ersten Silberfäden, ebenso in seinem sauber gestutzten Kinnbart. Seine leuchtenden grünen Augen sind von einem Netz aus kleinen Fältchen umrahmt und unter seinen feinen seidenen Westen zeigt sich der Ansatz eines Wohlstandsbauches.
"Der kleine Herzog" wird Titus wohlwollend von seinen Gefolgsleuten genannt, wohingegen seine Kontrahenten ihn eher spöttelnd mit „der mickrige Fürst“ betiteln. Doch statt sich zu einem zänkischen Gnom zu entwickeln, überspielt von Falkensteins ungeheurer Charme diesen Mangel an Statur. Er weiß die Menschen in seiner Umgebung mitzureißen und sie von seinen Ansichten zu überzeugen.
Neben Titus ist Franziskus der wichtigste Mann in Silendir. Man munkelt, er habe einen beträchtlichen Teil dazu beigetragen, die Ambitionen des Fürsten in Richtung Königskrone auszuweiten und Franziskus' Einfall soll es auch gewesen sein, dass Titus sich zum Herzog ernannte, um seinen Anspruch auf die Krone zu verdeutlichen. Niemand weiß genau, woher der arme Wanderprediger gekommen ist und mit welchen Mitteln er es geschafft hat, die Aufmerksamkeit des Lehnsherren zu erhaschen und die Gunst, in seiner Nähe verweilen zu dürfen. Jedenfalls scheint keine Entscheidung ohne seine Beratung getroffen zu werden. Königstreue murren, dass Titus lediglich ein Instrument ist, auf dem dieser ominöse Franziskus hervorragend zu spielen weiß.